Keine Retraditionalisierung, aber bleibende Ungleichheiten: Studie zu Auswirkungen der Covid19-Pandemie veröffentlicht
Die Studie „Auswirkungen der Covid 19 Pandemie auf Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Belastungserfahrungen von Frauen und Männern in Thüringen“ ist veröffentlicht. Im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie ist involas in Kooperation mit Verian der Frage nachgegangen, ob die Pandemie in Thüringen zu einer Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse geführt hat. Die zentrale Antwort lautet: Für Thüringen bestätigt sich diese These nicht.
Die Ergebnisse zeigen vielmehr ein differenziertes Bild. So haben sich während der Pandemie Väter stärker in Kinderbetreuung und Sorgearbeit eingebracht, und dieser Effekt ist teilweise bis heute sichtbar. Zugleich blieb die grundlegende Arbeitsteilung in den Familien stabil. Frauen tragen weiterhin den größeren Anteil an Sorgearbeit, insbesondere dann, wenn Kinder im Haushalt leben.
Besonders deutlich wird das beim sogenannten Mental Load, also bei der unsichtbaren Organisations- und Planungsarbeit des Alltags. Gerade Mütter berichten hier deutlich häufiger von Belastung, Stress und Erschöpfung. Hinzu kommt, dass Frauen und Männer die Verteilung von Sorgearbeit teils sehr unterschiedlich wahrnehmen. Erwerbstätige Mütter geben an, täglich fast drei Stunden mehr Sorgearbeit zu leisten als ihre Partner, während erwerbstätige Väter ihre eigene Beteiligung nahezu auf Augenhöhe einschätzen.
Mehr Beteiligung von Vätern, aber keine echte Entlastung für Mütter
Auch mit Blick auf die Erwerbsarbeit zeigt die Studie bleibende Unterschiede. Nach der Pandemie lag die Erwerbsarbeitszeit von Frauen und Männern höher als vor der Pandemie, strukturelle Differenzen in der Erwerbsbeteiligung bestehen jedoch fort. Vor allem Mütter in Paarbeziehungen reduzierten während der Pandemie ihre Arbeitszeit häufiger, um Kinderbetreuung sicherzustellen.
Damit macht die Studie deutlich: Es gab keine Retraditionalisierung, aber auch keine grundlegende Neuverteilung von Verantwortung. Die Aufteilung der Kinderbetreuung blieb insgesamt weitgehend stabil, allerdings zeigt sich im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie etwas häufiger eine paritätische Verteilung. Eine echte Entlastung von Müttern ist daraus jedoch nicht abzuleiten.
Über den Erkenntnisgewinn hinaus liefert die Studie Vorschläge für Unterstützungsmaßnahmen zur Reduzierung von Belastungserfahrungen von Frauen (und Männern) in den Bereichen Erwerbs- und Sorgearbeit in Thüringen.
Für die Studie wurden Literatur und Sekundärdaten aus den Jahren 2020 und 2021ausgewertet, eine Online-Befragung in Thüringen durchgeführt sowie qualitative Interviews, eine Fokusgruppe und Gespräche mit Expert*innen einbezogen, um Entwicklungen vor, während und nach der Pandemie vergleichbar zu machen. Die Online Befragung fand im Mai 2024 statt und umfasste 1.625 gültige Interviews.
Finanziert wurde die Studie durch den Freistaat Thüringen aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus. Die Publikation ist hier abrufbar.